dgwa.org | SPORTINVEST: An der Zeit, etwas Neues auszuprobieren
24414
post-template-default,single,single-post,postid-24414,single-format-standard,do-etfw,ajax_fade,page_not_loaded,,select-theme-ver-1.7.1,wpb-js-composer js-comp-ver-5.5.2,vc_responsive

SPORTINVEST: An der Zeit, etwas Neues auszuprobieren

Dzsenifer Marozsán (Olympique Lyon) und Ann-Katrin Berger (Chelsea FCW) holten mit ihren Vereinen die Meisterschaft und sind Vorzeige-Botschafter des deutschen Fußballs; nicht von ungefähr wurden beide Spielerinnen für den Deutschen Fußball Botschafter Publikumspreis 2020 nominiert, wo sie einen 2. beziehungsweise 5. Platz belegten.

Beide Spielerinnen spielen nicht nur sehr erfolgreich im Ausland, sie gelten auch als Vorbilder in vielerlei Hinsicht außerhalb des Platzes. Beide sahen sich in den vergangenen Jahren mit gesundheitlichen Schicksals-schlägen konfrontiert und fanden sich in einer Situation wieder, in der eine Karriere auch schnell vorbei hätte sein können. In einem exklusiven Doppel-Interview für den Deutschen Fußball Botschafter sprechen sie offen über Corona, Werte & ihr Leben im Ausland.

Woraus haben Sie Ihre Kraft geschöpft, Ihre Krankheiten zu überwinden und so schnell wieder auf dem Platz zu stehen?

Dzsenifer Marozsán: Meine größte Angst war, dass der Arzt mir mitteilt kein Fußball mehr spielen zu dürfen. Das war mit Abstand meine allergrößte Sorge. Aber als er mir dann sagte, dass ich nur wenige Monate aussetzen werde und er mich danach wieder langsam, Schritt für Schritt in Form bringen kann, wusste ich von diesem Moment an, dass ich alles daransetzen werde, wieder auf dem Platz zurück zu kehren. Auch wenn es nicht einfach war und ich viel Geduld benötigte. In dieser Zeit waren meine Familie und meine engsten Freunde für mich da und haben mir die Kraft gegeben, die ich brauchte, wenn ich mal am Zweifeln war. Ich bin sehr, sehr dankbar dafür, dass ich von solch wundervolle Menschen umgeben bin.

Ann-Katrin Berger: Natürlich war meine Familie ein großer Faktor, der mir dabei geholfen hat, wieder gesund zu werden, aber auch der Fußball hat mir dabei geholfen. Ich brauchte einfach ein Ziel. Ich habe meine ganze Kraft hinein investiert, wieder dahin zurück zu kommen, was ich mein Leben lang geliebt habe und dabei haben mir insbesondere zwei Personen geholfen, besser zurück zu kommen als zuvor. Das waren meine Mitspielerin Jess Carter und meine damalige Torwarttrainerin Leanne Hall. Beide waren bei jedem Arzttermin dabei, egal ob es kleine oder große Termine waren. Sie waren immer da und haben mir geholfen. Vor allem war es immer wieder bei den Arztterminen von unschätzbarem Wert, die beiden dabei zu haben, weil es zum Bespiel bei den Arztgesprächen wichtig war, Vertrauenspersonen um sich zu haben, die zu 100% die medizinische Sprache verstanden. Dadurch konnte bei mir von vornherein dabei keine Verunsicherung entstehen.  

Sie sind beide schon früh in Ihrer Karriere ins Ausland gegangen. Was hat Sie damals zu der Entscheidung bewogen, den Schritt ins Ausland mit 23 bzw. 24 Jahren zu wagen?

Marozsán: Ich bin sehr jung in die Bundesliga gestartet. Von daher war es für mich an der Zeit etwas Neues auszuprobieren. Auch wenn ich eine Person bin, die mit der Familie sehr verbunden ist, wollte ich eine neue Herausforderung angehen. Und das war der Grund für mich ins Ausland zu wechseln.

Berger: Ich wollte einfach so viel wie möglich und auch international lernen und ich dachte, es ist wie im Schulfach Geschichte. Jedes Land hat seine eigene Kultur und das ist auch im Fußball so. Jede Liga hat ihre Besonderheit. Jeder Verein seine Philosophie.

Wie sehen Sie die Entwicklung des Frauenfußballs in Frankreich beziehungsweise England im Vergleich zur deutschen Liga?

Marozsán: Der Vergleich zwischen Frankreich und Deutschland – es ist in meinen Augen fast identisch. Leider ist es in beiden Ländern so, dass nur zwei, maximal drei Vereine die Liga dominieren und danach ist erst einmal ein gewisser Abstand zu den nächsten Clubs. Zur englischen Liga kann ich mich nicht wirklich äußern, weil ich bisher dort keine Erfahrungen gemacht habe und keine intensive Einblicke in die komplette Liga besitze. Aber was das Marketing angeht, ist England uns in Deutschland, wie auch den Teams aus Frankreich, voraus. In dieser Hinsicht haben sie sich in den letzten Jahren enorm entwickelt und vermarkten den Frauenfußball dort sehr professionell.

Berger: Man muss sagen, dass der englische Fußball sich in den letzten Jahren sehr stark entwickelt hat. Die Mannschaften sind sehr stark in ihrer eigenen Individualität, was die Liga sehr stark macht.

Würden Sie mehr Spielerinnen raten ins Ausland zu wechseln, um Erfahrungen zu sammeln?

Marozsán: Ich möchte jetzt nicht Spielerinnen aus Deutschland weglocken. Die deutsche Liga gehört zu den besten Ligen in Europa. Dennoch kann ich nur empfehlen, dass man diese Erfahrung im Ausland macht. Es bringt dich wirklich auch als Mensch weiter. Man lernt eine neue Kultur, Sprache und Lebensstil kennen.

Berger: Auf jeden Fall, ich würde es jeder Einzelnen raten, wenn ich gefragt werde.

Welche Träume würden Sie sich gerne in Ihrer Karriere und persönlicher Natur noch verwirklichen?

Marozsán: Mein größter Traum und mein Wunsch ist es eigentlich nur, dass ich und meine Familie weiterhin gesund bleiben. Sportlich gesehen hoffe ich, noch lange auf höchstem Niveau spielen zu dürfen und dann natürlich am besten auch erfolgreich.

Berger: Ich möchte mir so viele Erinnerungen wie möglich verschaffen, das heißt, möglichst viele Titel zu gewinnen.  Außerdem möchte ich mich jeden Tag weiterentwickeln, um besser zu werden. Was aber die Zukunft bringt, wird man sehen.

Als Botschafter des deutschen Fußballs im Ausland vertreten Sie die Werte und die Einstellung von (Fußball-) Deutschland – sowohl in der Nationalmannschaft als auch in Ihren Vereinen.  Sehen Sie sich selbst in einer besonderen Verantwortung dadurch?

Marozsán: Nein, ich sehe mich dadurch nicht speziell mehr in einer besonderen Verantwortung. Als Profisportler gehört das dazu. Ich bin so wie ich bin, auf und neben dem Platz. Verändern kann und möchte ich mich auch nicht.

Berger: Ich sehe mich als Athletin, die aus Deutschland kommt und versucht ihr Bestes im Ausland zu geben. Natürlich habe ich immer den Anspruch an mich selbst, auch ein Vorbild für Jüngere zu sein. Und nun rücke ich, als nominierte Botschafterin des deutschen Fußballs, in ein ganz anderes Licht. Darüber muss ich mir aber erst mal Gedanken machen, was das für mich bedeutet und welche Auswirkungen es haben wird.  

Auf der gesamten Welt sind deutsche Spielerinnen und Trainerinnen bei Nationalmannschaften, Vereinen, in Verbänden oder auch einzelnen Projekten tätig. Beispielsweise Anja Zivkovic, die diesjährig als Trainerin nominiert ist für den Deutschen Fußball Botschafter Award 2020 und bereits in über 50 Ländern Projekte begleitet oder geleitet hat. Oder die Fußballikonen Petra Landers (Nominierte 2019) und Monika Staab (Deutsche Fußball Botschafterin 2014), die sich beide im Ausland vielfach als Trainerinnen betätigen. Wäre es auch für Sie eine Option nach der Karriere als Trainerin im Ausland tätig zu sein? 

Marozsán: Zu meiner Zukunft nach dem Fußball kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch keine detaillierte Auskunft geben. Ich wünsche mir natürlich noch lange selber aktiv auf dem Platz zu stehen. Ich liebe die Welt des Fußballs sehr und von daher kann ich mir gut vorstellen auch nach meiner Karriere im Fußballbereich tätig zu sein. Ob ich die Persönlichkeit mitbringe mal als Cheftrainer zu arbeiten, bezweifele ich derzeit ein wenig, da ich eher eine sehr ruhige Person bin. Aber ich würde es nicht als ausgeschlossen sehen.

Berger: Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Ich bin noch sehr fokussiert auf meine aktuelle Aufgabe als aktive Athletin. Aber man weiß nie, was sich entwickelt. Die Dinge können sich schnell ändern und ich lebe bei einer solchen Frage den Standpunkt: „Sag niemals nie“.

pm, mei; Quelle: Deutscher Fußball Botschafter