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DGWA SPORTINVEST: Die Chancen nutzen

SPORT UND BÖRSE / Wenn Kapitalquellen versiegen und Menschen versagen

Als ein sehr emotionales Element des menschlichen Lebens und zugleich stark menschen-verbindender Anker ist Sport eine treibende Kraft in weiten Teilen der Gesellschaft. Woche für Woche streb(t)en Milliarden in die Stadien und vor die TV-Bildschirme. Doch – wie andere Teile der Ereignisbranchen – so leidet auch der Sport aktuell sehr stark unter der Pandemie des Coronavirus Covid-19. Dort, wo Nähe und Körperberührung auf dem Platz und der euphorische Jubel auf den Tribünen zum Inhalt des eigentlichen sportlichen Geschehens und Events gehören, geht aktuell oft nur noch sehr wenig. Und das wiederum wirkt sich ökonomisch vor allem im Profisport sehr stark negativ aus. Die Finanzlage ist alarmierend.  Dabei liegt eine innovative Lösung auf der Hand: Die Finanzierung der Clubs über die Börse.   

Geschichte einer Kampfstätte: Waldstadion – Commerzbank-Arena – Deutsche-Bank-Park.   Foto: Udo Rettberg

Eine nicht unerhebliche Ursache für die aktuellen Wirren liegt auch in den ungleichen meist stark  veralteten Strukturen der unterschiedlichen Sportarten und Sportligen. Diese Einschätzung gilt vor allem bei einer paneuropäischen Betrachtungsweise. Eine der großen unbearbeiteten Felder ist die Finanzierung und Kapitalisierung vor allem im Profisport. Keine Frage, in den unterschiedlichen Sportarten gibt es gut aufgestellte Clubs und Vereine mit finanziell stabilen Strukturen und solider Organisation. Aber es gibt eben auch das Gegenteil – nämlich Vereine und Clubs, die aktuell ums nackte Überleben kämp-fen.  Kritische Beobachter vertreten die Auffassung, dass sich gerade auf der Finanzierungsseite im Sport (vor allem in der einstigen „Blütebranche Fußball“) einiges ändern muss.  

Jeder weiß: Die finanziellen Folgen eines „Weiter so“ könnten verheerend sein. Fußball als Nummer eins im Weltsport droht gegen die Wand zu fahren. Wenn deutsche Traditionsclubs Clubs wie Schalke 04, der VfB Stuttgart, der 1 FC Kaiserslautern – um nur einige zu nennen – in der aktu- ellen Krisensituation um Staatshilfe feilschen (müssen), ist etwas faul. Die finanziellen Strukturen im Sport waren und sind – wie sich jetzt zeigt – zum Teil katastrophal. Wer hat neben den Clubs und den Sportlern versagt? Antwort: a) die Wirtschaft im allgemeinen, b) die Politik, c) die Banken d) die Börsen? Müssen Clubs/Vereine besser und sinnvoller finanziert werden, weil Sponsoren und Großeigner in Schwierigkeiten geraten könnten? Wo die Welt unter der „Mount-Everestisierung der Schulden“ leidet und Fremd- kapital en masse die Zukunft der sozialen und ökonomischen Systeme bedroht, könnte die Finanzierung der Sport-Zukunft über Eigenkapital ein interessanter Lösungsansatz sein. Nur: Die Botschaft hör‘ ich wohl – allein mir fehlt der Glaube. Denn es gibt viel zu tun…………

Ist in diesem Kontext vor allem die Beschaffung von Eigenkapital z.B. durch die Finanzierung über Aktien und andere Wertpapiere das Nonplusultra? Bei der Deutsche Börse AG hält man diese These und die Forderung nach mehr Eigenkapital für Sportclubs dem Vernehmen nach grundsätzlich für interessant. „Ihre Idee und Initiative hat in der Tat einiges für sich“, heißt es dort. Doch es gibt Hürden und Hoffnung zugleich.

        Im Herzen von Europa – Bulle und Bär vor der Frankfurter Wertpapierbörse.                        Foto: Udo Rettberg

Dass die deutsche Finanzwirtschaft enger an den Fußball heranrückt, zeigen Beispiele in Frankfurt – a) die Sponsorenvereinbarung der Deutsche Börse AG mit Eintracht Frankfurt und b) die Namensgebung der Deutsche Bank AG für das einstige Waldstadion. „Die Sponsoring-Aktivitä ten der Börse bei der Frankfurter Eintracht haben wohl nicht den Hintergrund, dass die Börse etwa einen speziellen Sportaktienmarkt kreieren will“, wissen eingeweihte Kreise in der Mainmetropole zu berichten. Der Hinweis, dass die Deutsche Börse AG seit geraumer Zeit Sponsor bei Eintracht Frankfurt ist, sei nicht diesem Umstand geschuldet. Vielmehr habe man mit dem „Sponsorship“ wohl ganz offensichtlich nach der vor geraumer Zeit gescheiterten Fusion mit der London Stock Exchange die Bindung der Deutsche  Börse AG und der Frankfurter Wertpapierbörse FWB an die Stadt und Region Frankfurt zum Ausdruck bringen wollen, betonen Kenner.  Dass die Deutsche Bank romantisch zu werden scheint, indem sie Geld einsetzt, um aus der Commerzbank-Arena mit einem Slogan wie „Herkunft trifft Zukunft“ das ehemalige Waldstadion zum Deutsche-Bank-Park zu machen und sie dabei expressis verbis gesellschaftliche Aufgaben erwähnt, will man in Finanzkreisen nicht kommentieren.

Auch das Erscheinen eines Großinvestors bei Hertha BSC zeigt, dass einige vermögende Unternehmer weiter Chancen im Sport erkennen. Aber andere Superreiche treten gezwungenermaßen als in der Vergangenheit oft gönnerhafte Kapitalgeber kürzer, weil das gesamtwirtschaftliche und ihr stagnierender Reichtum solche Schritte erfordert.

Der Blick in Richtung Bosporus über das Sportstadion von Besiktas Istanbul hinweg. Die Aktien des Clubs werden seit einigen Jahren an der Börse der türkischen Hauptstadt gehandelt.     Foto: Udo Rettberg                                            

Macht es Sinn, zum Beispiel Mitglieder von Vereinen im Fußball zu Anteilseignern wie etwa Aktionären zu machen? „Grundsätzlich halten wir das für einen interessanten Ansatz, doch sind bis zur Umsetzung viele zusätzliche Dinge zu berücksichtigen“, so der Börse nahestehende Finanzmarkt-Kenner. Ein generelles Problem für die Befürworter der Idee ist indes die hierzulande weiter kritische Sicht der Menschen über all das, was in irgendeiner Weise mit Aktien, Wertpapieren, Derivaten und Börse zu tun hat. Das Thema Wirecard und das hier beobachte „multiple Staatsversagen“ hat ein Übriges dazu beigetragen, dass die Bürger die Finanzmärkte generell eher negativ kommentieren. Spekulation gilt in weiten Teilen der Öffentlichkeit weiter als ein Schimpfwort.

Wenn zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden könnten ……

Klar – es gibt einige Hürden. So im Fußball zB die 50+1-Regelung der DFL, wonach es Kapitalanlegern (noch) nicht möglich ist, die Stimmenmehrheit bei Kapitalgesellschaften zu halten, in die Clubs oft ihre Profiteams ausgegliedert haben. Die Regel gilt als veraltet und nicht zeitgemäß. Gerade in den heute finanziell anspruchsvollen Zeiten muss über Veränderungen nachgedacht werden. Das gilt auch für Maßnahmen zur Schaffung von größerer Wettbewerbsgleichheit wie zB Gehalts-Obergrenzen,

An der Deutschen Börse würden aktuell keine Ideen entwickelt, die auf die Gründung eines speziellen Sportaktienmarktes an der Börse hinauslaufen, ist aus Börsenkreisen zu hören. Dies sei wohl eher auch Aufgabe der Banken und anderer im Emissionsgeschäft für Eigen- und Fremdkapital aktiver Finanzinstitute, wird von Experten auf die klar abgegrenzte Aufgabenver- teilung innerhalb des deutschen Finanzwesens hingewiesen.

Aber: Mit der Realisierung und Umsetzung einer solchen Initiative und Idee hätten durchaus zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden können. Denn auf der anderen Seite (und das ist hinlänglich bekannt) leidet das deutsche Finanzwesen weiter unter der Schwäche einer nicht gerade blühenden Aktienkultur und einer kritischen Beurteilung des Themas „Börse und Spekulation“.  Zieht man in diesem Kontext mit Blick auf die Aktienkultur Vergleiche mit dem Ausland, so sollten im Lande des Export- weltmeisters Deutschland eigentlich die Alarmglocken läuten.  Und da in Europa die öffentliche Hand auf vielen Ebenen – von Gemeinden bis hin ganz hoch zur EU nach Brüssel – das Thema Fremdkapital (Verschul- dung) in der Krise ganz hoch hängt, schließen sich einige Akteure und Organisationen im Sport diesem „Vorbild“ an.

Dort wo Mäzene, Sponsoren und Wirtschaftsunternehmen möglicherweise schon bald nicht mehr in der Lage oder nicht mehr willens sein werden, dem Sport weiterhin Milliarden zur Verfügung zu stellen, muss dringend umgedacht werden. Ein Beispiel ist der in Kritik geratene Fleischunternehmer Clemens Tönnies, der eine führende Rolle bei Schalke 04 gespielt hat. Milliardär Roman Abramowitsch, Großeigner des FC Chelsea, hat sich vor geraumer Zeit bereits kritisch geäußert und seinen möglichen Rückzug vom Profifußball ins Gespräch gebracht. Diese Pläne scheint er inzwischen ad acta gelegt zu haben, doch zeigt dies die Wankelmütigkeit der „Superreichen“ in einer „verrückten Welt“.  Wenn andere Großfinanziers dem Russen folgen würden, könnte das Finanzierungs-System im Fußball kippen. Wie dem auch sei: Geld ist der große Unterschiedsfaktor im Sport: Denn reiche Clubs dominieren.   

Wenn sich die Stadien wieder langsam füllen – irgendwann……….                       Foto: Udo Rettberg

Grundsätzlich gilt es, die Frage zu beantworten, ob Eigenkapital für den Sportsektor (vor allem für Clubs und Vereine auch außerhalb des Fußballs) ein Zukunftsthema werden könnte. Richtig ist: Weltweit gibt es nur wenige börsennotierte Fußball-Firmen – in Deutschland gerade einmal zwei. Noch gibt es in Kreisen von Banken und Emissionshäusern und der Börsen wohl keine Überlegungen, die Idee eines speziellen „Sportmarktes“ zu forcieren. Und das, obwohl dann damit auch gesellschaftliche Aufgaben erfüllt werden könnten; denn in Berliner Politikkreisen sieht man im Sport generell einen Förderer des Themas menschliche Fitness und Gesundheit. Und vom Profisport strahlen halt entsprechende Impulse in den Massensport aus.

Es gilt für alle im Sport auf der einen und in der Finanzbranche auf der anderen Seite aktiven Beteiligten, mit Innovationen den Weg in die Zukunft einzuschlagen. Sport und Börse können nebeneinander und miteinander gemeinsam neue Kapitel aufschlagen. Einige Vorreiter haben das bereits gezeigt, sowohl in Großbritannien und Skandinavien wie auch in Italien und sogar in Chile. Von Borussia Dortmund und der Spvg Unterhaching abgesehen schlafen Akteure in Deutschland so etwas wie einen „Schlaf der Gerechten“.    

Sportwetten zur Risikosteuerung und Risikosicherung einsetzen

Ein Sport-Thema am Rande: Es gibt meinen verlässlichen Informationen zufolge darüber hinaus bei den deutschen Wertpapierbörsen aktuell auch keine Überlegungen für die Lancierung von Sport-Derivaten und von den Sportwetten-Bereich abbildenden Finanz-Instrumenten, wie sie an der Berliner Börse vor vielen Jahren in Form von gehandelten Wetten von Holger Timm und der Berliner Freiverkehrs AG kreiert, gelistet und gehandelt worden waren. Solche Instrumente können durchaus Sinn machen, weil sie von den Finanzmanagern z.B. der Fußballclubs als Absicherungsinstrumente zur Risikosteuerung eingesetzt werden könnten. Die Sportbranche war damals indes nicht wirklich an solchen Wettinstrumenten interessiert, was Kenner zu Kritik veranlasste. „Die Menschen müssen begreifen, dass auch Aktien eine Art Wette darstellen“, hieß es seinerzeit. Als Hindernis für solche innovativen Ideen und Produkte erwiesen sich seinerzeit auch die restriktiven gesetzlichen Auslegungen.     

Autoren:                          Udo Rettberg  & Dieter Hintermeier